Kundenrezension: Kompendium digitale Fotografie

kompendium-digitale-fotografieEin Kompendium, also ein Nachschlagewerk, sollte umfassend und in einer angemessenen Tiefe alle wesentlichen Aspekte eines Themengebietes – in diesem Fall die digitale Fotografie – aufgreifen. Dazu sollte es sich zur schnellen Informationsfindung eignen und in einem verständlichen Sprachstil erklärend die Zusammenhänge aufschlüsseln. Nach diesen Kriterien habe ich mir das Buch „Kompendium digitale Fotografie“ von Dr. Tilo Gockel (39,95 Euro im Terrashop) mit großer Vorfreude genauer angesehen. Ob sich die Freude auch beim Lesen hält, könnt ihr nun in dieser Rezension lesen.

Grafische Qualität des Buches
Nimmt man das Buch in die Hand, wundert man sich zunächst über ein etwa zwei Zentimeter dickes Buch, das den Anspruch eines Kompendiums haben soll. Aber dann fällt das hohe Gewicht und die außergewöhnlich hochwertige Verarbeitung des Buches aus dem Springer Verlag auf. Die Druckqualität ist auf dem gestrichenen Papier sehr gut. Die Texte sind relativ klein gesetzt, aber durch die Verwendung eines zweispaltigen Layouts sehr gut zu lesen. Die im vorderen Teil relativ sparsam eingesetzte Bebilderung wirkt auf dem glatten Papier tadellos.

Schreibstil und Verständlichkeit
Wenn der Autor selbst schon im Vorwort die Frage nach „Zu viel Theorie und zu viele Formeln?“ stellt, dann deutet dies bereits auf dezente Kritik aus seinem Umfeld hin. In der Tat ist der Schreibstil bei den Grundlagen teilweise sehr wissenschaftlich und durch eine Anhäufung von Formeln für den „normalen“ Fotointeressierten auf den ersten Blick eine schwere Kost. Hierzu ein Beispiel zur Berechnung von Lichtwerten: EV = log2 (k/te)
EVv = EV100 +log2(v/100). Zum Glück werden diese Formeln erklärt, wobei eine Kurzzusammenfassung aus der Sicht eines Laien oft wünschenswert wäre.
Aber genau hierdurch unterscheidet sich das Buch von den unzähligen Konkurrenzprodukten, denn es genügt wissenschaftlichen Ansprüchen. Nicht nur, dass die Quellen seriös nachgewiesen werden, auch die enorme Tiefe der Ausführungen trotz der komprimierten Form ist mir bislang in keinem anderen Fotografie-Lehrwerk so begegnet.

Themenvielfalt
Das Buch ist in drei Bereiche aufgeteilt. Hier werden fast alle denkbaren Bereiche der Fotografie abgedeckt.

1. Grundlagen (ca. 45%)
Die Themenbereiche Licht, Kameratechnik, rauscharme Bilder, Blitzen, Makrofotografie, Panoramen, HDRs/DRIs, Bildgestaltung und die digitale Dunkelkammer werden behandelt. Aus meiner Sicht ist der Übergang zum Praxisteil fließend, denn auch im Grundlagenteil werden immer Hinweise zur Erstellung bestimmter Bilder und Bildwirkungen gegeben. Für meinen Geschmack hätte der Bereich Ästhetik/Bildgestaltung etwas ausführlicher ausfallen können, aber wie in jedem Kapitel enden die Ausführungen mit dem Punkt „Weiterführendes“. Dort gibt es detaillierte Hinweise zur Vertiefung.

2. Praxis (ca. 45%)
An dieser Stelle entwickelt das Buch etwas mehr Leben. Alle Techniken werden genauestens erklärt und der Leser hat einen sehr großen praktischen Lerneffekt. Die Beispiele und Fotos sind anders als im Grundlagenteil großzügiger eingesetzt. Der zuvor sehr nüchterne Sprachstil gewinnt etwas mehr Persönlichkeit, wobei die Entstehungsprozesse der Bebilderungen perfekt erklärt werden. Die Workshops enthalten detaillierte step-by-step-Nachbauanleitung in Form von Fließtexten. Hier wäre eine Stichwortliste angebrachter, die wohl aus Platzgründen nicht verwendet wird. Auf jeden Fall wird die Lust geweckt, die gezeigten Bildwirkungen in ähnlicher Form nachzubilden. Mir gefallen vor allem die Gegenüberstellungen der Setups und der Ergebnisse sehr. Super sind auch die Hinweise, wie man Effekte mit günstigen Mitteln alternativ nachbilden kann. Die Themengebiete des Praxisteils sind: Close-up und Makro, Food, Table-Top/Produktfotografie, Landschaften, Architektur, Low-Light, Langzeitbelichtungen, Nachtaufnahmen, People/Portrait, Foto-Plattformen und der Verkauf von Bildern.

3. Anhang und weiterführende Angaben (ca. 10%)
Positiv überrascht war ich vom Kapitel „Rechtliches“. Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, ob er Personen in bestimmten Situationen ablichten darf? Aber Tilo Gockel geht noch weiter und berücksichtigt beispielsweise auch Gebäude und Gegenstände.
Ansonsten kann man das Literaturverzeichnis und das Stichwortverzeichnis zum schnellen Auffinden eines Themenbereiches als vorbildlich bezeichnen.

Fazit
Ambitionierte Fotografen, die technische Zusammenhänge im Detail verstehen wollen, Auszubildende und (angehende) Meister im Bereich der Fotografie sowie Studenten der Medientechnik oder Physik, die sich ein umfassendes Werk wünschen, bilden nach meiner Einschätzung die Zielgruppe dieses Buches. Darüber hinaus ist das Buch sehr wertvoll für alle, die sich Hinweise auf weiterführende Literatur wünschen. Die Workshops sind sehr gut nachvollziehbar, weil Hintergrundwissen vermittelt und auf eine Anhäufung von Formeln verzichtet wird. Im Gegensatz dazu ist der Grundlagenteil wohl eher eine Liebe auf den zweiten Blick. Diese Literatur kann man nicht mal so eben nebenbei durchstöbern. Aber das ist auch gut so, denn so werde ich das Buch noch sehr oft in meinen Händen halten. Der Preis ist absolut gerechtfertigt, zahlt man für ein Fotomagazin schon etwa ein Drittel des Buchpreises. Für alle, die sich intensiv und „ernsthaft“ mit dem Thema Fotografie auseinandersetzen wollen und dabei Spaß am Lerngewinn haben, kann ich nur eine Empfehlung geben: Kaufen.

Infos
Titel : Kompendium digitale Fotografie – Von der Theorie zur erfolgreichen Fotopraxis
Autor: Dr. Tilo Gockel
Verlag: Springer (Dezember 2011)
Umfang: 224 Seiten
ISBN:  978-3642112386
Preis: 39,95 Euro (im Terrashop kaufen)

Rezension von Horst Wiedemann

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1.090 Antworten auf Kundenrezension: Kompendium digitale Fotografie

  1. Tilo Gockel sagt:

    Hallo Herr Wiedemann,
    vielen Dank für die wohlwollende und konstruktive Rezension. Amazon hat bisher noch keine Leseprobe online, aber ich habe dies nun zur Verfügung gestellt unter http://www.fotopraxis.net (> in press). So kann sich jeder Interessent anhand des Inhaltsverzeichnisses, der 2..3 Schnupperkapitel und des Index ein Bild machen, ob die Inhalte den Vorstellungen entsprechen.

    danke und beste Grüße aus Aschaffenburg
    Tilo Gockel

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