Bing StreetSide: Widerspruchsfrist läuft schon

bing-streetside-01Habt ihr sie schon gesehen? Kommen sie euch bekannt vor? Wovon ich rede? Von den Autos, die derzeit durch deutsche Städte fahren und mit der Kamera auf den Dächern Rund-um-Fotos machen. Was vor einiger Zeit Google gemacht hat, wird nun von Microsoft wiederholt. Und die Diskussionen um die Privatsphäre könnte neu aufgekocht werden.

Microsofts Pendant zu Google StreetView heißt Bing StreetSide und ist in Deutschland noch nicht online. Wie der Konkurrent will auch Microsoft in seinem Kartendienst Bing Maps echte Aufnahmen von den Häuserfassaden am Straßenrand einbinden, um dem Nutzer einen Mehrwert zu bieten: Wie sieht das Hotel am Ferienort aus? In welcher Gegend befindet sich die Wohnung, für die ich mich interessiere? Oder man macht ganz einfach einen virtuellen Bummel durch fremde Städte – vom heimischen Computer aus. Microsoft will aber noch mehr bieten und zum Beispiel Ladenbesitzern erlauben, detaillierte Infos zum Geschäft mit der entsprechenden Aufnahme in Bing StreetSide zu verknüpfen. Außerdem will der Dienst auch die Abstände zwischen Gebäuden anzeigen. Ein Service, der vor allem Rettungsdiensten von Nutzen sein kann.

Bekannte Kritik
Nachdem Microsoft seine Pläne angekündigt hatte, ließen die Kritiker nicht lange auf sich warten. Die Argumente sind die gleichen wie bei Google StreetView: Eingriff in die Privatsphäre, weil jedermann weltweit meinen Vorgarten, meine Gardinen und meine Haustür sehen kann. Dass Argument, man sehe nur das, was jeder sieht, der am Haus vorbei spaziert, lassen sie nicht gelten. Denn die Kamera auf den Autodächern sei höher als die Augen eines Menschen. Sichtbarrieren wie Hecken oder Zäune würden damit überwunden. Dass Gesichter und Nummernschilder automatisch unkenntlich gemacht werden, reicht da nicht aus.

Frist läuft bereits
Und genau dafür hat Microsoft seit Anfang August die Möglichkeit eingeräumt, Widerspruch gegen die Abbildung der eigenen Hausfassade in Bing StreetSide einzureichen. Bis Ende September haben Bürger die Chance, vorab einen Einspruch einzulegen. Auf dieser Webseite nimmt Microsoft diese entgegen und prüft sie dann. Der Service steht nur Eigentümern oder Bewohnern von Grundstücken oder Gebäuden in Deutschland zur Verfügung. Bevor Bing StreetSide an den Start geht, sollen laut Anbieter alle vorab eingereichten Einsprüche in die Tat umgesetzt werden. Anders als bei Google StreetView kann die Verpixelung innerhalb eines Jahres auf Wunsch wieder rückgängig gemacht werden. Und natürlich lassen sich Grundstücke und Häuser auch nach dem Start von StreetSide unkenntlich machen. Bis dahin sind die Häuser aber online zu sehen.

Weniger Aufregung – aber warum?
Vielleicht liegt es daran, dass ich mich tagtäglich mit diesen Themen beschäftige, aber ich kann mich noch sehr gut an die hitzigen Diskussionen vor etwa einem Jahr erinnern. Damals startete Google StreetView hinerzulande und löste fast eine Hysterie aus. Viele Debatten zum Thema hatten mit Sachlichkeit nichts mehr zu tun. Zu groß war die Sorge vieler Menschen um die eigene Privatsphäre. Und was ist jetzt? Ich lese und höre zwar immer noch Stimmen, die sich gegen Bing StreetSide ausprechen oder zumindest neutral darüber berichten. Aber die Zahl der Beiträge reicht längst nicht an die des vergangenen Jahres heran. Warum ist das so? Ich glaube, dass viele Leute mit Microsoft etwas anderes assoziieren. Etwas Vertrautes vielleicht, weil man schon seit Jahren Windows und Office nutzt und Microsoft daher schon als guten, alten Bekannten sieht. Dahingegen ist Google für einige Menschen – warum auch immer – das „Böse“. Ein gigantischer Konzern, der im Internet unser Privatleben ausschnüffelt, um damit Profit zu machen. Das Label „Datenkrage“ haftet Google ja nicht erst seit Google StreetView an.

Ein weiterer Grund mag aber auch sein, dass Microsoft aus den Fehlern von Google gelernt hat. Denn vor einem Jahr gab es erst nach langen Besprechungen mit den Datenschutzbeauftragten eine Lösung, den Bürgern einen Vorabwiderspruch zu ermöglichen. Das machte natürlich keinen guten Eindruck – vor allem nicht auf die Kritiker. Microsoft bietet das jetzt schon an, um Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Ich will damit aber keineswegs behaupten, dass die Kritik an Google unvernünftig oder unbegründet ist. Wie jeder damit umgeht und wieder jedem damit zumute ist, muss auch jeder selbst entscheiden. Doch wer über Google StreetView urteilt, muss gleichermaßen Bing StreetSide bewerten. Denn aus Sicht der Privatsphäre – ob sie nun bedroht wird oder nicht – gibt es keinen Unterschied.

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